KONZEPT- UND ANWENDUNGSBLATT5 Brettspiel "Mein inneres Team" Ein visualisierendes Brettspiel zur Ressourcenaktivierung, Konfliktklärung und Förderung emotionaler Selbststeuerung
1. Pädagogisches Konzept
Innere Prozesse sichtbar machen – Persönlichkeitsanteile spielerisch begreifen „Mein inneres Team“ ist ein tiefenwirksames Reflexionsspiel, das pädagogischen Fachkräften hilft, mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen über innere Konflikte, Stärken und Blockaden ins Gespräch zu kommen. Die Spieler:innen wählen Eigenschaften als Teammitglieder, stellen Gegenspieler auf und reflektieren ihre inneren Dynamiken im Sinne einer systemisch-lösungsorientierten Haltung.
Die Fußballfeld-Optik des Spielbretts eröffnet eine eingängige Metapher: Das Leben als Spiel – mit Aufstellung, Strategie, Kapitän, Gegnerteam und Trainingsplan. Der Spielansatz schafft emotionale Distanz bei gleichzeitig hoher Selbstbindung – ideal für Menschen mit geringer Frustrationstoleranz, Sprachhemmung oder komplexen inneren Konflikten.
Das Spiel ist nicht starr – es kann im Verlauf verändert werden, so wie sich auch (Selbst-)Wahrnehmung verändert und Entwicklung passiert.
2. Warum das Spiel im pädagogischen Kontext wirkt
🧠 reflexionsfördernd – strukturiert innere Anteile und erleichtert Selbstverstehen 🎯 lösungsorientiert – fördert Ressourcenaktivierung statt Problemfokussierung 🧩 systemisch anschlussfähig – unterstützt Beratung, Förderung & Zielarbeit 🎲 spielerisch und niedrigschwellig – besonders hilfreich in stationären, schulischen und beratenden Kontexten
Der Unterschied zu klassischen Tools wie Karten oder Skalen: Während Reflexionskarten oft visuelle Impulse bieten, entsteht beim Brettspiel ein haptischer, interaktiver und dynamischer Prozess. Es geht nicht nur um Auswahl, sondern um Positionierung, Rollenverteilung und Strategien – mit Begriffen aus dem Teamsport: Kapitän, Ersatzbank, Aufstellung, Training.
3. Spielinhalt auf einen Blick
- 1 hochwertiges Spielfeld aus Holz in Fußballfeld-Optik
- 52 Coins mit Begriffen:
- Stärken & Kompetenzen: Mut, Kreativität, Humor, Selbstvertrauen, Disziplin, Geduld, Sportlichkeit, Selbstständigkeit, Selbstwirksamkeit, Toleranz, Einfühlungsvermögen, Klarheit, Intuition, Zielstrebigkeit, Teamgeist, Willenskraft, Durchhaltevermögen, Verantwortung, Empathie, Ausstrahlung, Intelligenz, Vertrauen, Struktur, Handlungsfähigkeit, Ausgeglichenheit, Schnellkraft
- Blockaden & Herausforderungen: Perfektionismus, Trotz/Sturheit, Angst, Traurigkeit, Wut, Versagensangst, Pessimismus, Scham, Abhängigkeit, Egoismus, Misstrauen
- 6 Spielkarten mit gezielten Reflexionsfragen:
- Wer ist der stärkste Spieler aus dem Gegnerteam? Welche deiner Spieler könnten ihn entkräften?
- Welche deiner Kompetenzen/Stärken bilden dein stärkstes Team?
- Wer ist dein Mannschaftskapitän und somit der wichtigste Leistungsträger?
- Welches Wunschteam würde ich in Zukunft erstellen, um meine Zukunft damit anzutreten?
- Wer befindet sich in deinem Gegnerteam? Gegen wen musst du antreten?
- Welches Team/welche Spieler bräuchte ich, um ein aktuelles Problem zu bewältigen?
4. Anwendungsempfehlung (Kurzversion)
Schnelleinstieg für Fachkräfte – wie im echten Spiel:
- Aufwärmen: Brett und Coins bereitlegen – Einstieg ins Setting
- Aufstellung: Teilnehmer:in wählt 6–8 Coins für das eigene Team (Stärken)
- Gegneranalyse: Dann 3–6 Coins für das Gegnerteam (Blockaden)
- Kapitän benennen: Wer gibt aktuell den Ton an? Wer sollte führen
6. Fallbeispiele aus der Praxis
Fallbeispiel 1: Jugendhilfe – Arbeit mit 12-jährigem Jungen Ein Junge aus einer stationären Einrichtung wirkt oft angespannt, zieht sich zurück und zeigt Widerstand gegen Gruppenangebote. In einem begleiteten Setting mit „Mein inneres Team“ stellt er sein Team aus den Coins Mut, Durchhaltevermögen, Kreativität, Selbstvertrauen, Humor, Handlungsfähigkeit, Teamgeist und Intuition zusammen. Als Kapitän wählt er Mut. Sein Gegnerteam besteht aus Versagensangst, Angst, Abhängigkeit, Scham, Misstrauen. Die Wahl des Kapitäns hilft, über seine Ängste zu sprechen. Er erkennt: „Mein Mut-Spieler hilft mir manchmal, trotzdem mitzumachen, auch wenn ich Angst habe.“ Die Fachkraft nutzt das Bild zur Zielarbeit: Wann braucht Team Mut Unterstützung? Wer auf der Ersatzbank könnte eingewechselt werden?
Fallbeispiel 2: Mutter-Kind-Arbeit – Belastete Mutter reflektiert Familiendynamik Eine alleinerziehende Mutter fühlt sich überfordert mit ihrem 10-jährigen Sohn, der viele Konflikte in Schule und Zuhause hat. Im Coaching stellt sie ein inneres Team aus Geduld, Klarheit, Selbstwirksamkeit, Ausstrahlung, Intuition, Disziplin, Einfühlungsvermögen und Verantwortung auf. Als Kapitän wählt sie Verantwortung. Ihr Gegnerteam besteht aus Überforderung, Selbstzweifel, Wut, Misstrauen, Perfektionismus. Im Gespräch erkennt sie: „Ich versuche, immer alles perfekt zu machen – das überfordert mich.“ Durch die Visualisierung kann sie loslassen, Perspektivenwechsel zulassen und einen Trainingsplan für Selbstwirksamkeit und Geduld aufstellen, um im Alltag mit mehr Vertrauen zu agieren. ?
- Spielanalyse: Reflexionskarten einsetzen – Spieler koppeln, Konter finden
- Trainingsplan erstellen: Was soll gestärkt, was eingewechselt werden?
- Auswertung: Erkenntnisse sichtbar machen – z. B. zeichnen, schreiben, sprechen
Dauer: 30–45 Minuten Setting: Einzelarbeit, Tandemarbeit, Kleingruppen (bis 6 TN)
5. Anwendungsempfehlung (Langversion)
Wann?
- In Einzelberatungen, Gruppenstunden, Fördersettings
- In sozialem Kompetenztraining, Konfliktgesprächen, Coaching
- Bei Übergängen, Entscheidungsprozessen, Zieldefinitionen
Wie?
- Einstieg: Einladung zur „Teamaufstellung“ – Welche Spieler:innen gehören zu deinem inneren Team?
- Spieler:innen wählen: Eigene Teammitglieder + Gegenspieler definieren (Stärken vs. Blockaden)
- Kapitän benennen: Wer führt aktuell? Wer sollte führen?
- Reflexionskarten nutzen: Lösungsideen, Zielbild, Gegenstrategien erarbeiten
- Trainingsplan: Welche Spieler brauchen mehr Einsatzzeit? Wer geht auf die Ersatzbank? Welche Stärken brauchen Training?
- Transferfragen stellen: Was nimmst du mit? Was kannst du morgen konkret nutzen?
- Sichtbarkeit schaffen: Spieler aufzeichnen, im Portfolio dokumentieren, reflektieren
Vertiefte Spielanwendung – Haltung, Gesprächsführung & Transferarbeit
Das Spiel entfaltet seine volle Wirkung, wenn es nicht als „Tool“, sondern als Einladung zur Selbsterkenntnis verstanden wird. Wichtig ist eine begleitende Haltung von echter Neugier, Offenheit und Vertrauen in die Prozessfähigkeit des Kindes oder Jugendlichen.
- Fachkräfte sollten nicht zu schnell interpretieren, sondern zuerst Fragen stellen: „Was macht diese Eigenschaft mit dir?“, „Warum ist dieser Spieler wichtig?“
- Die Wahl des Kapitäns ist oft ein Spiegel dessen, was aktuell das Erleben dominiert – oder was sich durchsetzen soll. Hier lohnt es sich, nachzufragen: „Was bedeutet es, wenn dieser Spieler das Team anführt?“
- Die Ersatzbank bietet Raum für Ambivalenzen: „Was möchtest du bald ins Team holen? Was ist dir noch zu unsicher?“
- Die Metapher des Trainingsplans lässt sich wunderbar nutzen: „Was braucht dein Spieler Mut, um stärker zu werden?“ – „Wie kann Team Disziplin besser zusammenspielen mit Team Kreativität?“
- Besonders bei mehrfach belasteten Jugendlichen kann die Arbeit mit dem Spiel über mehrere Sitzungen hinweg Vertrauen aufbauen und langfristig zu Veränderung führen
8. Umsetzungstipps für Fachkräfte
🔁 Rituale etablieren: Wiederholte Einsätze fördern Sicherheit 👥 Teamanalyse nutzen: Wer bringt welche Stärke ins Gruppenteam? 🖍️ Reflexion visualisieren: Portfolio, Wandposter, kreative Dokumentation 🎯 Langfristig denken: Nicht als Einzeltool, sondern als Teil eines pädagogischen Prozesses
9. FAQ – Häufige Fragen
Ist das Spiel therapeutisch? Nein. Es ist ein pädagogisches Tool – reflexionsstark und methodisch wirksam, aber kein Ersatz für Psychotherapie.
Wie gehe ich mit Überforderung um? Das Spiel kann unterbrochen oder vereinfacht werden (z. B. nur ein Spieler pro Seite). Wichtig ist: Druck rausnehmen.
Was, wenn ein Kind nichts sagen möchte? Das Spiel wirkt auch nonverbal: Figuren aufstellen, malen, notieren – Sprache ist hilfreich, aber nicht zwingend.
10. Zusammenfassung
„Mein inneres Team“ ist mehr als ein Spiel: Es ist ein professionelles Instrument zur Förderung von Selbstreflexion, emotionaler Kompetenz und innerer Klärung – spielerisch, systemisch und tiefgreifend.
Für Fachkräfte in Schule, Jugendhilfe und Beratung – die Menschen dabei unterstützen wollen, in ihrem eigenen Team wieder Führung zu übernehmen.
Einsatzgebiete:
- Jugendhilfe & Wohngruppen
- Schulsozialarbeit
- Coaching & Berufsorientierung
- Psychotherapie & Traumapädagogik
- Familienhilfe & Paarberatung
- Behindertenhilfe, Altenpflege, Biografiearbeit